Für Tom de Dorlodot sollte es ein Jahr voller Abenteuer werden: Reisen, Expeditionen, spektakuläre Flüge. Dann verletzte er sich beim Snowkiten in Norwegen. Es folgte eine harte Auszeit vom Leben als Abenteurer. Wie damit fertig werden? Hier Toms Erfahrungen als Profipilot, der nicht abheben kann.
Das bekommen die Chirurgen schnell wieder hin, dachte ich. Ein Schienbeinbruch, was soll’s! Doch dann entwickelte sich eine hartnäckige Infektion. Noch schlimmer als die Infektion war die Ungewissheit: Was, wenn sich das ewig hinzieht? Was, wenn mein Bein amputiert werden muss? Was, wenn ich nie mehr fliegen kann? Am Ende brauchte es neun Reinigungsoperationen und ein Transplantat aus meinem Hüftknochen. Danach war mein Bein sieben Monate extern fixiert. Wenig Schlaf, viel Schmerzmittel und noch mehr Sehnsucht: Endlich wieder abheben, die Thermik spüren, in die Stille fliegen, über den Dingen schweben.
Geschenkte Zeit
Mit dem Unfall war auch mein Traum von der zehnten X-Alps-Teilnahme geplatzt. Ich musste alle meine laufenden Projekte absagen – auf unbestimmte Zeit. „Papa, wann gehen wir wieder Tandem fliegen?“ Ich konnte meinen Kids keine Antwort geben.
Das Grounding veränderte meinen Alltag. Langsamkeit war bisher ein Fremdwort für mich. Nun tickten die Uhren anders. Ich hatte Zeit zum Nachdenken bekommen: über meine Familie, übers Fliegen, über meine Abenteuer. Ich dachte an meine Flüge im Karakorum, ich soarte an den Flanken des K2, stieg und stieg. Da oben fühle ich mich auf eine besondere Weise klein, ich spürte zugleich Demut und Freiheit. Ich merkte: Fliegen ist das Einzige, was mir das Gefühl gibt, ein Vogel zu sein. Es ist meine liebste Art, komplett abzuschalten. Fliegen ist meine Mischung aus Meditation und Abenteuer. Es klärt den Kopf, öffnet den Horizont, bringt mich weiter, lässt mich wachsen.
Am Boden, aber nicht down
Konnte ich auch wachsen, ohne abzuheben? Aber wie? Es war wie beim Fliegen: Fortschritt braucht Zeit, Geduld und Hingabe. Ich pflanzte 150 Obstbäume auf meinem Grundstück – mit Krücken oder auf einem Bein hopsend. Ich wurde Imker und machte meinen eigenen Honig. Ich begann, Meteorologie-Kurse zu nehmen und verbesserte endlich mein Portugiesisch. Meine Sehnsucht nach dem Fliegen war ein Ideen-Trigger. Ich wollte neue Horizonte ansteuern, auch wenn ich noch auf Krücken ging. Dafür verbrachte ich Stunden mit Google Earth und XC Contest. Ich stellte mir Routen vor, visualisierte die Thermik, suchte nach Gipfeln, die ich eines Tages besteigen wollte.
Zurück an den Start
Und irgendwann stand ich wieder an meinem Hausberg auf den Azoren. Ein kurzer Flug nur. Ich hob ab – und hatte Tränen in den Augen. Es war, als ob ich nie was anderes gemacht hätte als Fliegen. Alles war wieder da: das Gefühl, frei zu sein, Teil der Natur zu werden und über den Dingen zu schweben. Schwer zu beschreiben, was das abging. Das Erlebnis war so intensiv, dass ich es kaum je vergessen werde: Es war wie alle meine Flüge in einem.
Und dann die X-Alps! Seit 2007 gehören sie zu meinem Leben. An dieser Ausgabe wäre ich der dienstälteste Pilot gewesen. Wäre! Denn ich konnte kaum gehen, ein Start war absolut ausgeschlossen! So war ich als Reporter am Race und ich durfte Zeuge eines einzigartigen Wettkampfs werden: So viel Speed, so viel mentale Stärke und so viele Spitzenleistungen, das hatte es so noch nie gegeben. Als Beobachter merkte ich, mit welch genialen Piloten ich in den letzten X-Alps-Jahren unterwegs sein durfte. Mir wurde auch bewusst, wie sehr ich meine Paragliding Family während meines Groundings vermisst hatte. Ok, eine Teilnahme war ausgeschlossen – aber dafür reichte es für einen gemeinsamen Flug mit Aaron, Simon, Lars and Chrigel. Es war der letzte Flug des Wettkampfs und es war ein überwältigendes Erlebnis. Hader und Zweifel waren weggefegt, meine Zuversicht kam zurück. Ich verspürte Abenteuerlust und eine riesige Freude, wieder in der Luft zu sein.
Du entscheidest
Du hast Pläne – und dann wirft dich etwas aus der Bahn. Pech oder Chance? Du entscheidest. Für einmal war die Challenge nicht in der Luft, sondern am Boden. Du kannst nicht abheben, aber deine Gedanken können. Und darauf kommt’s an. Das hat mir während meines Groundings immer wieder Power gegen.
Ich habe so viel Freundschaft, Loyalität und Support erfahren dürfen. Ich habe die Schmerzen in den Beinen nach langen Wanderungen, die kalten Nächte im Biwaksack und die Nervosität vor den Starts vermisst. Noch habe ich einiges an Weg vor mir. Aber ich habe neue Ideen entwickelt, neue Ziele ins Auge gefasst und einen neuen Rhythmus gefunden. Und ja, auch etwas Seelenfrieden.
Die Ausrüstung
Tom de Dorlodot gehört mit neun Teilnahmen zu den absoluten X-Alps-Veteranen. Der Belgier hat in den letzten Jahren auch unzählige VolBiv-Expeditionen nach Pakistan unternommen und "Search Projects" ins Leben gerufen. Dabei reist er mit seinem Segelboot rund um die Welt und besucht aussergewöhnliche Gleitschirmspots.
Mehr erfahren