Der lange Weg zum Bild
Das perfekte Bild? Es entsteht nicht zufällig. Es entsteht durch Vorbereitung, Timing und Beharrlichkeit. Andreas Busslinger hat es längst vor sich gesehen: die Salbitnadel, ein Felszahn hoch über dem Urnerland, im perfekten Licht, mit einem Gleitschirm darüber. Fünf Tage haben sie für den Traum von diesem Bild investiert. Dreimal brachen sie auf, dreimal kehrten sie zurück. Das Wetter spielte nicht mit, das Licht war falsch, die Wolkenbasis zu tief. Doch dann kam der Moment, in dem alles stimmte. Das Foto von der Salbitnadel gehört zu einem der ikonischsten Bilder von Andreas Busslinger.
Oder bei einem Flug über dem Biancograt am Piz Bernina. Eine halbe Stunde lang schwebt Andreas Busslinger über den Gipfeln. Die Kamera im Anschlag. Per Funk dirigiert er sein Flugmodel. Doch plötzlich ist der Akku seiner Kamera leer. „Ich konnte nicht mehr fliegen. Ich ging landen. Es war so schön, und ich konnte es nicht festhalten. Es hat mich fast zerrissen.“ Für Andreas Busslinger ist das Fotografieren kein Job. Es ist Leidenschaft.
Choreografie im Luftraum
Er ist kein typischer Landschaftsfotograf. Seine Spezialität ist das Fliegen mit der Kamera, das Erzählen aus der Luft. Fliegen ohne Kamera? Undenkbar. „Viele Fotos habe ich zuerst im Kopf“, sagt er. Mit einem Team aus erfahrenen Piloten setzt er sie um. Die Aufnahme ist geplant, oft wochenlang. Der Ort wird rekognosziert, das Licht berechnet, die Piloten gebrieft. Mit Funk dirigiert er sie in Position. Dann kommt der Moment, und er drückt ab. Nicht zehn Mal. Hunderte Male. In Sekundenabständen.
Der Tanz mit der Schwerkraft
Die Brüder Chrigel und Michi Maurer gehören zu den besten Gleitschirmpiloten der Welt. Unzählige Male haben sie das Infinity Tumbling geflogen – ein Kunstflugmanöver, das Präzision, Mut und Vertrauen verlangt. Doch diesmal wartete eine besondere Bühne: das Matterhorn. Die Vision für dieses Bild trug der Fotograf schon lange in sich.
Einen ganzen Tag und sechs Flüge brauchte es, um sie Wirklichkeit werden zu lassen. Kein Zufall, sondern perfektes Teamwork zwischen Piloten und Kamera.
Wenn es ums Fotografieren geht, fliegen die Spitzenpiloten nicht für sich. „Es geht nicht darum, wie weit wir fliegen. Sondern wie gut das Bild wird.“ Ob beim Sonnenaufgang an der Rothenfluh, bei einer Infinity-Tumbling-Serie über dem Matterhorn: Andreas Busslinger ist der Regisseur über den Wolken.
Sehnsucht sichtbar machen
Heute ist Andreas Busslinger bekannt in der Szene. Er hat Bildbände und Bücher veröffentlicht, Preise gewonnen und liefert Bilder für Red Bull Illume. Seine Arbeiten hängen in Ausstellungen auf der ganzen Welt. Doch seine Basis bleibt die Schweiz, der Blick aus der Luft. Immer mit der Kamera im Gepäck und einer Idee im Kopf. Andreas Busslingers Bilder sind mehr als schön. Sie wecken Sehnsucht. Sie erzählen von Stille, von Raum und von Abenteuer.
Sie öffnen Fenster zu Welten, die viele nie selbst erleben und doch sofort fühlen. „Ich will Bilder machen, bei denen man innehält und sich fragt: Was ist das? Wo ist das? Kann ich da auch hin?“ Ja, kann man. Aber nur, wenn man bereit ist, zu gehen. Oder zu fliegen. Andreas Busslinger ist immer bereit. Das perfekte Bild? Vielleicht gibt es das nicht. Aber für Andreas Busslinger ist der Weg dorthin das grösste Abenteuer. Und das beginnt – wie so vieles – mit einem Traum.
Andy gilt als einer der renommiertesten Gleitschirmfotografen und ist Lehrer vom Beruf. In seiner Freizeit ist er am liebsten selbst beim Gleitschirmfliegen.