Die vergessene Küste

Eine Entdeckungsreise durch Neuseeland

Als Captain James Cook 1769 in Neuseeland anlandete, verstand er im Vogelgeschrei sein eigenes Wort nicht mehr. Seitdem gilt Neuseeland als die „Vogelinsel“. Mit Gleitschirmen machen Felix Wölk und Roman Berner einen Roadtrip an die Pazifikküsten der südlichen Hemisphäre, lernen das Element Luft von der stürmischen Seite kennen.

Dem stürmischen Wetter trotzen – Sandy Mount

Still, in sich gekehrt blickt Alexander Tups über die triefenden Dächer von Du­ne­din. Seine Augen funkeln. Der Hobby­me­teo­rologe weiss, dass kein Tief auf der Südinsel von langer Dauer ist. „Morgen geht Te Wae­wae Bay, ihr müsst heute los“, liest er aus dem Wol­ken­bruch über der Halb­insel von Otago. Alexander, selbst Pilot, bescherte uns im rauen Klima Süd­neu­see­lands vor zwei Tagen den ersten Flug in dieser Region. Eine stür­mische Strö­mung staute sich an der West­seite der bis zu 3.800 Meter hohen neu­see­ländischen Alpen. An der Ostküste hatte sie in einem riesigen Lee­wir­bel auf Nordost gedreht – ein enormes Kehr­wasser der Lüfte entstand. Unterstützt durch die thermische See­brise bildete sie am „Sandy Mount“ einen strammen Aufwind. Wir rangen dem Land drei fantastische Flugstunden über einer male­rischen Inselwelt ab. Kurz danach entwurzelte ein Föhnsturm Bäume.

„In der Hoffnung auf Airtime, reisten wir 13 Tage über die Insel. Umso mehr freuten wir uns über unseren ersten Flugtag an der Sandy Mount.“

Roman Berner

Rau, wild, abgeschieden – Te Waewae Bay

Die Scheibenwischer unseres Le­gacy schau­feln seit drei Stunden tapfer die Sicht frei. Unser Ziel ist die Te Waewae Bay an der äussersten Südküste Neu­see­lands. Sie wirkt wie das Ende der Welt. Nur noch wenige Farmer leben hier. Sie pflanzen Baumreihen zur Windbrechung, um die Schafherden zu schützen. Die massiven Nadelbäume wachsen unter lebenslanger Sturmlast in runden Bögen. Manche zersplittern und fallen im Kampf gegen die Naturgewalt wie Zinnsoldaten. Der Pazifik hat sich hier gierig in das Land gefressen. So entstand eine 15 Kilometer lange Klippe aus komprimiertem Sand. Ihre Form gleicht dem Abbruch eines kalbenden Gletschers. Die Te Waewae Bay ist wenig bekannt unter Gleit­schirm­flie­gern. Zu windig, zu unbe­re­chen­bar ist das Wetter dort, zu verlassen die angrenzende Ortschaft Orepuki. Eine fast vergessene Küste in der südlichen Hemisphäre.

„Der Nabelpunkt des Lebens ist die Bar der verlassenen Ortschaft Orepuki. Hier dreht sich die entschleunigte Welt um einen kleinen Fernseher, einen Billardtisch und den Zapfhahn.“

Felix Wölk

Im Windschatten des Strohballens

In der Hoffnung auf einen Flug verbringen wir die Nacht im Kofferraum. Unser klappriger Blech­hobel schaukelt im Wind wie eine Jolle auf hoher See. Als der Tag anbricht, folgen wir stur der eisernen Flieger­regel: In schlechten Zeiten fertig machen, in guten Zeiten starten. Bei Windstärken von 50 km/h suchen wir eine Startmöglichkeit und werden fündig. Warten im Wind­schat­ten eines Strohballens. Die antarktische Brise ist kalt und seltsam milchig. Wie ein eisiges Seidentuch umhüllt sie das Land, schluckt Farben und Kontraste.

Die Juwelen Neuseelands

Es ist 2.30 Uhr nachmittags, als sich die Dichte der Schaum­kronen auf der Meeres­ober­fläche verringert. Langsam dreht der Wind auf Südwest. Das Flug­fenster, das sich offenbart, wirkt wie eine Perle, die jeder­zeit zu Staub zerfallen kann. Wir starten und befinden uns in einem subantarktischen Luft­spielplatz. Die Küs­ten­linie der Te Wae­wae Bay trägt unsere Flügel kilo­meter­weit, thermisch durchsetzt und weich wie Butter. Auf dem 46. Grad südlicher Breite reiten wir stundenlang die „Southerly Breeze“. Wir fühlen uns wie Vogelmenschen, frei, schwerelos und privilegiert. Ob die Vögel wohl die gleichen Glücksgefühle verspüren? James Cook jedenfalls musste sich 1769 ähnlich gefühlt haben wie wir jetzt.

„Das Flugfenster, das sich offenbarte, wirkte wie eine Perle. Wir genossen jeden Moment in der Luft.“

Felix Wölk

Die Ausrüstung

EPSILON 9

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The Joy of Flying

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SUCCESS 4

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Safety & Comfort First

Das Team

Roman Berner

Roman ist in der Schweiz ­aufgewachsen und seit dem 18. ­Lebensjahr mit dem Gleitschirm unter­wegs – immer auf der Suche nach neuen Abenteuern.

Felix Wölk

Felix ist Gleitschirm- und Drachenflieger, Fallschirmspringer sowie Bergsportler der alten Schule. Seit zwei Jahrzehnten gehört er zu den renommiertesten Gleitschirmfotografen weltweit.